Dienstag, 12. Dezember 2017 

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KLEINE ZEITUNG, HINTERGRUND, SONNTAG, 4. APRIL, 1999, Seiten 8 und 9

MICHAEL FLEISCHHACKER

Der Essenz des Religiösen ist der Osttiroler Maler Michael Hedwig seit jeher auf der Spur.
Er findet diese Essenz in allen Religionen.

"Volle Präsenz"
als Summe aller
Möglichkeiten

Im Endeffekt", sagt Michael Hedwig, "weiß ich nicht, ob das religiös ist." Er meint damit seine Malerei, nicht sich selbst. Für den 42-jährigen Osttiroler ist Religion oder Religiosität ohne Zweifel eines der zentralen Themen überhaupt. Er zweifelt allerdings zu Recht daran, daß seine Arbeit deshalb gleich "religiöse Kunst" sein muß. In Zeiten da hohe und höchste Kirchenfunktionäre wieder mehr das Erbauliche schätzen und sich dem frommen Edelkitsch zuwenden, gerät diese Art des Zweifels ja fast zum Selbstschutz. Berührungsängste mit der offiziellen Kirche hat er dort, wo es um einen offenen Dialog mit der zeitgenössischen Kunst ging, dennoch nicht: Zweimal nahm er an den Klausuren des Grazer Künstlers und Künstlerseelsorgers Josef Fink teil, einmal in Poppendorf und einmal am Sinai. Auch mit dem Grazer Fundamentaltheologen Gerhard Larcher arbeitet er immer wieder zusammen.

Perle. Michael Hedwig , der 1980 bei Anton Lehmden sein Diplom erwarb und seit 1985 einen Lehrauftrag an der Akademie der bildenden Künste hat, meint, daß "Religion in ihrer Essenz verstanden sein will". Für ihn bedeutet das unter anderem, daß er Sufi-Camps genauso besucht wie katholische Gottesdienste. Dabei geht es ihm weniger um eine Vermischung, als darum, immer wieder Blicke in ein Kaleidoskop zu werfen, in dem ein Stück schöner ist als das andere. "Jede Religion", sagt Hedwig, "ist eine Perle", und es freut ihn, daß es immer noch viele Menschen gibt, die am Wahrheitsanspruch ihrer Religion festhalten. " Ich schätze das sehr, sonst könnte ich nicht von meiner Perspektive aus alle diese Religionen anschauen und mich an der Vielfalt freuen."
Hedwigs künstlerische Arbeit besticht durch Kontinuität und Konzentration: In Zeiten, da allerorten das Ende des gemalten Bildes propagiert wird, ist er der Malerei treu geblieben, und als Thema hatte er über all die Jahre ausschließlich den Menschen, seinen Körper, seine Möglichkeiten, seine Kommunikationsräume. Der entscheidende Begriff für den Zugang zu Hedwigs Malerei ist vielleicht jener der "Möglichkeiten". Sogar die Figurengruppen, wie sie auch unser Titelbild ("Überkörper", Acryl auf Jute, 190 x 140cm, 1998) und serielle Arbeiten der "Etagenkörper", vor allem aber der dem großen russischen Tänzer gewidmete Zyklus "Nijinskij" machen deutlich, daß es sich in all den Darstellungen, Regungen, Haltungen, und Beziehungen zueinander im Grunde auch um die verschiedenen Möglichkeiten ein und desselben Menschen handelt, die sich dann in größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen wiederfinden mögen. Es ist interessant, daß Hedwig den größten Einschnitt in seiner malerischen Karriere im Atelierwechsel sieht, den er vor etwa vier Jahren vorgenommen hat. Das signalisiert wohl, daß die inneren Eckpfeiler seiner künstlerischen Arbeit unverrückbar sind und allenfalls äußere Einflüsse für die eine oder andere Irritation sorgen können.

Tanz. Hedwigs Beschäftigung mit dem menschlichen Körper kommt aus der Überzeugung "daß wir in erster Linie Seele sind, dann ist es schön, zu sehen, daß diese Seele auch über einen Körper verfügt". Und wenn dieser seine Möglichkeiten entfaltet, dann kommt die Erotik ebenso ins Spiel wie der Tanz als Ausdrucksform menschlicher Grundbefindlichkeit. Auch Erfahrungen von Krankheit und Tod sind für die künstlerische Arbeit Michael Hedwigs von eminenter Bedeutung, auch sie haben seinen Zugang zum Thema Körper geprägt. Der frühe Tod des Bruders festigte in ihm den Entschluß, von nun an die Entscheidungen seines Lebens selbst in die Hand zu nehmen. Er verließ die Schule und bewarb sich an der Akademie.

Wechselspiel. Die "Prototypen" oder "Muster" für das Durchspielen der Möglichkeiten menschlicher Existenz, um die es ihm heute geht, findet Michael Hedwig nicht zuletzt in den Heiligen aller Religionen. Und so entwickelt sich im malerischen Schaffensprozeß eine Art Wechselspiel zwischen Mustermenschen und konkreten Menschen, zwischen Ideal und konkreter Ausformung. Es bildet sich ein Konglomerat an menschlichen Möglichkeiten, seriell dargestellt oder ineinander verschränkt, in Abgrenzung zueinander oder im Kontakt mit der Natur. Nicht zu unterschätzen ist dabei die Eigendynamik, die der Arbeitsprozeß entwickelt. Im Wechsel zwischen bewußtem und unbewußtem, kontrolliertem und ekstatischen Zugang zum Material und zur Idee potenzieren sich gewissermaßen die Möglichkeiten des Menschlichen mit jenen des Malerischen.
"Wenn du einmal begriffen hast, daß du im Grunde so sein kannst wie das Muster", sagt Hedwig, "dann kommt die Verantwortung ins Spiel". Diese Verantwortung äußert sich auch in der Hinterfragung aller Glaubenssätze, die angeboten werden. Und am Ende muß natürlich auch das Muster, das sich der reflektierende Mensch in Abgrenzung zu den gängigen Glaubenssätzen zurechtgelegt hat, noch einmal hinterfragt werden. Das gilt auch und vor allem für die künstlerische Arbeit. "Am schlimmsten ist es, ein Bild wegzugeben und zu wissen, es ist noch nicht fertig. Bilder im Zwischenstadium sind die Schlimmsten". Der Künstler hat mit einem "Perfektionszwang" zu kämpfen, der allerdings "nichts mit formalen Ansprüchen zu tun hat, sondern mit inneren Einstellungen".

Quellen. Für einen, der den Menschen als Summe seiner Möglichkeiten sieht, die zu erreichen er vorläufig nicht in der Lage ist, ist die Frage , was denn für ihn Auferstehung bedeutet, klar zu beantworten; "Völlige Präsenz". Hedwig der die Bibel zu seinen wichtigsten literarischen Quellen zählt, findet an den biblischen Auferstehungsszenen vor allem interessant, daß niemand den Auferstandenen sogleich erkennt: "Diese Möglichkeit, mit seinem Körper umzugehen, ist ganz grandios. Es ist übernatürlich, aber es ist eine Tatsache". Letztlich ist es "eine Art Transformation". Überkörper?

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