Dienstag, 12. Dezember 2017 

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Ausstellungseröffnung "Michael Hedwig. Zeichnungen", RLB-Atelier, Lienz, 24.6.2005


v.l.n.r.: Kurator Georg Loewit, O.Univ.Prof. Dr. Gerhard Larcher, Bankstellenleiter Karl Brunner, Michael Hedwig, Bürgermeister Dr. Johannes Hibler

Es ist mir eine große Freude, heute Abend einen Künstler präsentieren zu dürfen, dem ich mich seit vielen Jahren freundschaftlich verbunden weiß, den Maler und Grafiker Michael Hedwig. Dieser ist, genauso genommen, bei uns in Tirol, zumal in Lienz, eigentlich nicht mehr groß vorzustellen, denn er hat mehrfach hier, in Innsbruck, Wien und jenseits der Landesgrenzen ausgestellt. Zahlreiche seiner Werke findet man im öffentlichen und einige im kirchlichen Raum. Andere Arbeiten befinden sich in öffentlichen und privaten Sammlungen. Weil aber der Prophet im eigenen Lande nicht immer in seiner ganzen Größe gesehen wird, sei für ein besseres Verständnis vielleicht doch ein wenig an biographischer Information erinnert: Michael Hedwig, der Osttiroler, hier in Lienz 1957 geboren und aufgewachsen, ist 1974 zum Studium nach Wien gegangen, wo er bis 1980 Malerei in der Meisterklasse von Anton Lehmden studierte. Nach dem Studium ist er in Wien geblieben und unterrichtet nun selbst seit 1985 an der Akademie der bildenden Künste (jetzt Kunstuniversität) - seit einigen Jahren als Assistenzprofessor. Sein Unterrichtsfach in der Meisterklasse (von Prof. Gunter Damisch) ist Radierung. Er ist nicht nur Vollblutmaler, sondern auch begnadeter Graphiker, der zu einschlägigen internationalen Ausstellungen von Istanbul bis Madrid eingeladen wird. In Tirol gab es zuletzt vor einiger Zeit (2000) im Innsbrucker Congresshaus große Leinwände und Druckgraphik bei der Ausstellung "Zelt-Körper" und 2002 im Grillhof bei Innsbruck Arbeiten zur Apokalypse sowie zum neuen, österlichen Altarbild in der Pfarrkirche Vill zu sehen. Und gespannt ist man jetzt ganz besonders auf die drei in Ausarbeitung befindlichen, riesig dimensionierten Bilder in der U-Bahnstation Stubentor in Wien, die ab Oktober zu sehen sein werden.

Bei unserer heute Abend zu eröffnenden Ausstellung geht es vorrangig um den Stellenwert der Zeichnung in den Arbeiten der letzten 12 Jahre von M. Hedwig. Dies ist - wie angedeutet - kein peripherer Aspekt seines Schaffens, da ein zeichnerisches Element sich eigentlich in allen seinen Arbeiten stark zur Geltung bringt, nicht nur als Vorarbeit zur Malerei oder für drucktechnische Umsetzungen. Es ist wichtig zu sehen, dass Zeichnung, Zeichen, Schrift, Bild nicht nur kulturgeschichtlich - man denke an die Genese der Schriften aller Hochkulturen, bes. z. B. der Hieroglyphenschrift - in einem engen Konnex zueinander stehen. Ein solcher Aspekt der Zeichenhaftigkeit durch Zeichnung, fortlaufend wie in einer Schrift aus Bildern, ist gerade auch in Hedwigs grafischem Werk, aus dem alle Objekte dieser Ausstellung hier genommen sind (vgl. "Die letzte Rede Mosis" (12 Zeichnungen, z. T. aquarelliert, 1993, Sinai), die "process-Serie" (9 Zeichnungen, 1995, Graphit und Buntstift, 42 x 56, Wien), die "Apokalypse Mappe" (20 Zeichnungen, 1999, Salzburg/Wien, Graphit, Buntstift, 42 x 28) sowie 2 Blätter aus der großformatigen Serie "in den Alpen" von 2000 - 2005 (Wien)) besonders deutlich. Es ist deshalb sinnvoll, ein paar grundsätzliche formale Erwägungen zum Werk M. Hedwigs insgesamt zu machen, die auch der zeichnerischen Dimension als autonomer Schöpfung Rechnung tragen: Wie bei sehr vielen seiner Arbeiten ist man auch bei den hier gezeigten versucht, an eine raumgreifende Choreographie zu denken; denn wie aktionistisch - theatralisch inszeniert, manchmal tänzerisch, bewegen sich die Figuren und Gruppen; ihre Arme berühren sich, ihre Gesten greifen ineinander, umarmen sich, ohne unbedingt in Dialog miteinander zu stehen. Sind es in "Die letzte Rede Mosis" oder der "process-Serie" eher wenige Gestalten, z. T. nur zwei (vielleicht ein Paar?), noch eher statisch, so sind in den zwei großformatigen Arbeiten aus der Serie "In den Alpen" ganze Gruppen in Bewegung, wie es besonders auch in seinen (früher anderswo gezeigten) Radierungen ("Über Körper" von 2002 oder der Serie "Etagenkörper" von 1992) dichte massierte Körpersequenzen gibt. Es geht Hedwig immer um den Menschen, seinen Körper, seine Geistigkeit und seine Kraftfelder. Stilistisch wichtiges Moment ist die Wiederholung, das Serielle, die Bewegung, die oft jäh angehalten wird, wie in einer Momentaufnahme oder wie in einem Filmstill, gleichsam um sich des Ganzen zu vergewissern, um Visualisierung von Zeit als geronnener zu ermöglichen. Die Figuren bewegen sich meist in geordneten Bahnen, was unwillkürlich an antike Friese, auch an kultische Handlungen, formalisierter noch an Abfolgen von Schriftzeichen, gar Notierungen denken lässt. Durch diese spezifische Zeichenhaftigkeit der zeichnerischen Blätter wirkt der Ausstellungsraum hier im Gesamten wie ein grafisches Kabinett - als ein Ensemble von Zeichen, das eine Welt in sich umschreibt, spielerisch, tänzerisch immer neue Konstellationen ausprobierend, Pathosgesten der Kommunikation erkennen lassend und vorsichtig auf etwas drüber hinaus verweisend. Auf Hedwigs Bildern wird also dargestellt, aber nicht repräsentiert, es wird etwas erzählt, aber doch keine runde Geschichte mitgeteilt. Als Beispiel dafür, dass noch auch etwas erzählt wird, sei als inhaltliche Konkretionen aus dem hier Gezeigten besonders auf "Die letzte Rede Mosis" (1993) und die Mappe "Apokalypse" mit 20 Zeichnungen nach der "Geheimen Offenbarung des Johannes" (1999) verwiesen. Beides sind ebenso autonome wie von einem biblischen Referenztext bestimmte Serien. Die eine anlässlich einer Künstlerklausur in Nouweiba auf dem Sinai 1993 erarbeitet (organisiert von dem leider früh verstorbenen, unvergesslichen Josef Fink, Priester und Künstler, Leiter des Minoritenzentrums Graz), die andere anlässlich einer Kunstpreisaktion der Diözese Innsbruck 1999 zum Thema "Apokalypse now - Zeitenende/Zeitenwende" entstanden. Beide Bezugstexte sind scheinbar zeitlich und sachlich weit entfernt voneinander und doch einander ähnlich mit dem Ausblick auf das gelobte Land bzw. auf das messianische Jerusalem. "Die letzte Rede Mosis" - 12 Zeichnungen (z. T. aquarelliert) erarbeitet unter dem Eindruck der wuchtigen Kapitel 27 - 33 des 5. Buches Mose (als heilsgeschichtliche Einschärfung von Bund und Gebot) - enthalten Gesten der Weisung, der Verheißung und der Drohung, des Segens und Gebärden der Zustimmung bzw. Unterwerfung des Volkes. Mose erinnert Israel an seinen Bundesschluss mit Gott: "Himmel und Erde rufe ich heute wider euch zum Zeugen an: Leben und Tod habe ich dir vorgelegt, Segen und Fluch. So wähle nun das Leben, dass du am Leben bleibst, du und deine Nachkommen, indem du Jahwe, denen Gott liebst, auf seine Stimme hörst und ihm anhängst () dass du in dem Lande bleibst, das Jahwe deinen Vätern Abraham, Isaak und Jakob zu geben geschworen hat" (Dt 39,19ff.), und indem er (Dt 31,1-8) erfährt, dass er das Land der Verheißung nicht betreten darf, beauftragt er Josua, der von nun an die Führung Israels übernehmen wird. Fast könnte man angesichts dieser Bilder von einer bilderkritischen, "ikonoklastischen" Erzählweise bei M. Hedwig sprechen (er fühlte sich ja, wie er sagte, bei der Arbeit intensiv getragen von der Energie der Wüstenumgebung): Strich, Rasterung und Schraffur zeigen und verbergen, lassen prophetische Gestalten, wie Mose und Josua, als von Gott Gezeichnete zeichnerisch hervortreten und zugleich wiederum bildkritisch in Wolken oder Zelten verschwinden; es bleibt oft nur die gestische Sprache der Hände (Hand Gottes?).

Deutlich anders die 20-teilige Apokalypseserie, bestehend aus Grafit- und Buntstiftzeichnungen, welche geradezu akribisch am Text "fantastisch realistisch" (richtig verstanden) die 20 Hauptkapitel der Geheimen Offenbarung des Johannes visuell imaginieren. Dabei enthalten die Szenen der Apokalypse selbst schon gewaltige Sprachbilder (wie Tier, Drache, Hure Babylon, Feuer- und Blutsee). So verweist z. B. das Hauptbild 6 (auf Einladung und Plakat) auf die Plagen der "Heuschrecken", der apokalyptischen Pferde und Reiter im Kapitel 9 der Offenbarung, das Bild 8 auf das Kap. 12 mit der "Vision von der Frau und dem Drachen", das Bild 9 auf das Kap. 13 mit dem "Tier aus dem Meer mit 10 Hörnern"; und dann gegen Schluss Bild 18 mit Verweis auf Kap. 20,11ff. ("Das Weltgericht") und Bild 19 auf Kap. 21, 22, 1-5 (das "messianische, himmlische Jerusalem"). Hedwig schafft hier mit einer berührenden symbolischen Genauigkeit so etwas wie eine moderne "biblia pauperum", Andachtsbilder aus souveränem zeitgenössischem Kunstempfinden heraus (wie das z. B. - auf ganz andere Weise - auch Boeckl in der Engelskapelle in Seckau gelang). Die intensive, filigrane Arbeit mit dem Stift durch die Hauptthemen der 21 Kapitel der Apokalypse gleicht einer strengen ästhetischen Meditationsübung.

Freilich sollte man als Rezeptor immer vorsichtig sein gegenüber allzu vollmundigen Tiefendeutungen eines künstlerischen Oeuvres. Hedwigs Arbeiten sind im Allgemeinen dafür zu zurückhaltend, zu vorsichtig - was ihn auch ehrt. So ist seine Weise, die biblischen Themen anzugehen, nicht von einem spezifisch religiösen Stil bestimmt, vielmehr ist es die konsequente innere Form seines Arbeitens, die sich dem biblischen Wort öffnet oder den sakralen Raum- und Ausstattungskontext einer Kirche konstruktiv herausfordert und so einen Bedeutungsüberschuss beim nachdenklichen Betrachter bzw. der feiernden Gemeinde hervorbringen kann. Seine Hauptthemen, Körper und Bewegung, bilden dabei vielfältige Anknüpfungspunkte - sowohl für einen Dialog mit der christlich ikonographischen Tradition (das Fleisch der solidarisch geschaffenen Kreatur, das Volk des Bundes, Inkarnation, der Leib Christi bzw. das corpus mysticum der Kirche, eucharistische Kommunikation, der Verklärungsleib der Auferstehung ), als auch mit aktuellen Hoffnungshorizonten, denn der Körper ist heute so etwas wie die Projektionsfolie für menschliche Sehnsüchte schlechthin, von der Wellnesswelle bis hin zu Gender - Konzepten, ästhetischen Entwürfen, spirituellen Hoffnungsbildern: Hedwigs Bilder werfen so vor allem Fragen auf, die nicht ohne den Resonanzraum des Betrachters zu beantworten sind; sie sind, wie durch seine Arbeiten zur "Letzten Rede Mosis" (Dtn 29 ff.) nahe gelegt, ästhetische Ausblicke auf ein gelobtes Land (vgl. Mose vom Berg Nebo aus), das der Künstler jedoch selbst nicht zu betreten hat.


Gerhard Larcher

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