Dienstag, 12. Dezember 2017 

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Günther Dankl
Zu Michael Hedwigs Radierungen "Über Körper"


Dass der Körper und das damit verbundene Menschenbild zu den zentralen Themen der Kunst des vergangenen Jahrhunderts überhaupt gehört, hat Jean Clair 1995 auf der 46. Biennale von Venedig in der Schau "Identität & Alterität. Formen des Körpers 1895-1995" eindrucksvoll vor Augen geführt. Im darauf folgenden Themenschwerpunkt des "KUNSTFORUM INTER-NATIONAL" (Bd. 132 und Bd. 133, November 1995/Januar 1996 bzw. Februar/April 1996) hat Florian Rötzer unter dem Titel "Die Zukunft des Körpers" mit 50 Beiträgen von Wissenschaftlern, Philosophen, Künstlern und Kritikern zum "Körperverständnis heute" erneut die Aktualität dieser Thematik unterstrichen.
Auch Michael Hedwig beschäftigt sich seit der Mitte der 80er Jahre in äußerst konsequenter Weise mit dem Körper. Er befindet sich somit in bester Gesellschaft. Verglichen jedoch mit Rötzers Anspruch, mit dem Themenschwerpunkt die in der Ausstellung von Jean Clair vermissten "Zukunftsperspektiven" und "Funktionen und Grenzen des Körpers in einer Zeit neuer exzessiver Vergewisserung in neuen Körperkulten bei gleichzeitig drohender Auflösung im Cyberspace" und "den Ort des ICH angesichts Body-Design, Gehirntransplantation und Gen-Manipulation, zwischen Stimulation und Simulation" auf kunsttheoretischer und philosophischer Ebene abzuhandeln, ist Hedwigs künstlerisches Ansinnen stringenter. Auch scheint seine Auseinandersetzung mit dem Körper auf den ersten Blick viel stärker mit der Tradition verhaftet zu sein und in einer Reihe mit jenem Strang der Moderne zu stehen, der parallel zu den zahlreichen Ausdrucksformen der abstrakten Malerei von den Körperbildern der "Wiener Moderne" (Egon Schiele, Oskar Kokoschka, etc.) bis zu jenen eines Francis Bacon oder einer Maria Lassnig heraufführt. Insbesondere zu Bacon empfand Hedwig zu Beginn seiner künstlerischen Laufbahn eine starke Affinität: Nicht nur Bacons formale Dekonstruktionen des Körpers fanden ihre Entsprechungen in den frühen Bildern von Michael Hedwig, auch Bacons künstlerisches Anliegen, die Grundbedingungen der menschlichen Existenz sichtbar zu machen und die existentielle Wahrheit auszudrücken, prägt von Beginn an das malerische Schaffen von Michael Hedwig.
Seit dem Abschluss seines Malerei-Studiums an der Akademie der Bildenden Künste in Wien 1980 ist Hedwig in einer Reihe von Ausstellungen und begleitenden Publikationen immer wieder an die Öffentlichkeit getreten. In den darin erschienenen Texten wurde Hedwigs "Kunstwollen" anschaulich und einfühlsam dargelegt. Dem ist im Grunde genommen nur wenig Neues hinzuzufügen.
Ulrich Gansert hat in der Tiroler Kulturzeitschrift "DAS FENSTER" (Heft 68, Herbst 1999) die Verbindung und Entsprechung von Malerei und Zeichnung im Œuvre von Michael Hedwig hervorgehoben und betont, dass in seinem Schaffen "Linie und Farbe" gleichermaßen "Ausdrucksmittel sind". Hedwig unterscheidet sich dadurch stark von jenen Malern in Österreich, die fast zeitgleich zum "Aufbruch der Malerei" in Österreich beigetragen (S. Anzinger, H. Schmalix, H. Brandl usw.) und das Primat der Farbe zum vorrangigen Ausdrucksträger ihrer Werke erhoben haben. Bei diesen dient allein die Farbe als Mittel zur Mimesis, d.h. zur Nachahmung der Natur. Die Farbe und das Kolorit werden als alleinige Ausdruckswerte eingesetzt, um in erster Linie Gefühle und Emotionen zum Ausdruck zu bringen. Michael Hedwigs Arbeiten hingegen sind von der Linie und der Farbe im gleichen Maße geprägt. In seinen Bildern findet dadurch das Individuelle und Existentielle und das Gefühlvolle und Emotionelle gleichermaßen Ausdruck.

Hedwigs Bilder handeln weniger von Körpern, sondern sind Bilder über Körper. Sie sind somit in erster Linie Beschreibungen, "die den Körper als Verdichtung und Vernetzung psychisch-energetischer Realitätsebenen" (M. Hedwig) thematisieren. Bei Hedwig dient der Körper als Mittel zur Kommunikation, insofern, als in seinen Bildern der Körper selbst zum Raum, zum "Kommunikationsraum" (Gerhard Larcher), und zum bestimmenden sozialen und kommunika-tiven Faktor wird. In diesem Sinne agieren in Hedwigs "Etagenkörper" die dargestellten Körper nicht einfach in Etagen, sondern sind Körper in Etagen und vermitteln dadurch ein existentielles Gefühlsmoment. Ähnlich verhält es sich mit den jüngsten Zelt-Bildern. In ihnen bilden das Zelt als Äquivalent für Mantel oder Architektur und die darin oder davor sich befindlichen Körper eine unzertrennbare Einheit: der Körper ist Mantel, Zelt oder Architektur und somit Ausdruck einer sozialen Prägung oder Übereinkunft.
Seit einigen Jahren beschäftigt sich Hedwig intensiv mit der einfarbigen oder mehrfarbigen Druckgraphik. Diese kommt seiner Intention der Verbindung von malerischem und zeichnerischem Prozess und der Idee der Überlagerung und Vernetzung mehrerer Ebenen deutlich entgegen. Neben der Lithografie hat Hedwig besonders in der mehrfarbigen Radierung durch das Übereinanderlegen mehrerer Druckträger (2-3 Kupferplatten) das zur Umsetzung seines "Kunstwollens" entsprechende formale Mittel gefunden.
In Zusammenarbeit mit der Radierwerkstatt Josef Mühlbacher hat Hedwig die Druckplatten für die 12 im vorliegenden Katalog präsentierten Radierungen angefertigt. Wie Philipp Maurer zur Druckgraphik von Michael Hedwig ausführt, liegt für den Künstler der Reiz an der Radierung einerseits am Material selbst und andererseits an der Arbeit mit dem Material: "das Brechen der Facetten, das Polieren der Platten vermitteln die romantische Aura alten Handwerks, sie erzwingen eine Phase der Besinnung, die Befreiung des Geistes durch konzentrierte Handarbeit." Mehr als die Malerei bietet ihm das druckgrafische Verfahren - und dabei in erster Linie die Radierung - die Möglichkeit, durch die Überlagerung der einzelnen Druckschichten mehrere Räume zu schaffen und zugleich auch verstärkt das Element der Zeit und der Bewegung in das Bild einzubringen. Wie in Hedwigs Gemälden scheinen auch in den Radierungen die einzelnen Körper zwar in ihren Bewegungen eingefroren und in ihren Räumen verhaftet, durch die Farbgebung und die sich überlagernde Lineatur werden sie jedoch stärker aneinander gebunden und damit zu den kommunikativen und interaktiven Trägern eines allgemein gültig erscheinenden Geschehens.
Alle 12 Radierungen hat der Künstler vereinfachend mit dem Titel "Über Körper" bezeichnet. Und dies zu Recht. Denn im Grunde genommen spielt es keine Rolle, ob der Betrachter darüber Bescheid weiß, dass z. B. die Radierungen "Über Körper 4" und "Über Körper 5" aus einer Auseinandersetzung mit der Oster- und Pfingstthematik für ein Altarbild für die Pfarrkirche in Vill (Tirol) resultieren. Hier wie in den übrigen Radierungen sind die Hauptträger des Bildgeschehens die zumeist gesichts- und geschlechtslosen Körper, die in ihrem Ineinander-verwoben-Sein und Zueinander-in-Beziehung-gebracht-Werden mehr geistige Haltungen und Ideen zum Ausdruck bringen, als dass sie erzählerische oder literarische Inhalte vermitteln. In der Kunstgeschichte existiert der vor allem in der italienischen Renaissance verbreitete Bildtypus der "Sacra Conversazione" (ital. "hl. Gespräch") als Bezeichnung für die Darstellung der die thronende oder stehende Madonna umgebenden Heiligen. Handelt es sich dabei in der Frührenaissance mehr um ein repräsentatives Stehen ohne Gespräch, so sind die Darstellungen dieses Motivs in der Hochrenaissance und im Barock dramatisch bewegt und oft zu einem wirklichen Gespräch ausgeweitet. Michael Hedwig nun hat die Thematik des "heiligen" Gespräches in eine existentielle übergeführt. Seine Radierungen sind keine Darstellungen von sich zufällig begegnenden oder miteinander sprechenden Personen, sondern vielmehr "Verschlingungen in eine Situation, in einen Lebenszusammenhang" (Philipp Maurer).

Dr. Günther Dankl, Kustos am Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck

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